Camino Portugués
(erste Etappe von Lissabon nach Santa Cruz)

(in Internetcafés geschrieben) 

Lissabon, den 20. Juli 2006

Die Ankunft also in Lissabon. Vom Flughafen erst einmal mit dem Bus in ein Hotel in der Bairro Alto. Es ist später Nachmittag.

Warum ausgerechnet von Lissabon nach Santiago? Lissabon ist meine Lieblingsstadt und sie hat ihre ganz besondere Bedeutung. Damals im November: Das Schreiten über den Platz der Seefahrer, die Weite des Tejos vor Augen, das Licht eines Sonnentages – voller Liebe, Verspieltheit und Anmut.

Die Wanderung beginnt an jenem Bogen am Ende der Rua Augusta, da, wo sich die Weite öffnet. Und dann lasse ich einfach geschehen, was kommt. Adventura – wörtlich genommen.

Rua Augusta
Rua da Augusta

Cabo da Roca, 23. Juli 2006

Ich entscheide mich für die Atlantikroute: Belem, Cascai, dann nordwärts über Peniche nach Nazare. Es wird Probleme mit den Übernachtungen geben, habe mir deshalb in Lissabon eine gefütterte Armeejacke gekauft, um auch im Freien schlafen zu können. Die Nächte sind kühl. Erst einmal laufen, laufen, laufen. Die Zeit des Schreibens und der Poesie wird später kommen. Sehr angenehm zu tragen ist das Leinenhemd aus Nepal, das mir in Almada der Zufall in die Hand gespielt hat. Ebenso wie die erst zu Beginn der Wanderung gefundene Jakobsmuschel an einem Souvenirstand der Rua Augusta. Die Verkäuferin schenkt sie mir. "I'm f rom Brazil", sagt sie mit einem Lächeln. Die Muschel kommt an den Rucksack. Es ist seltsam, daß ich alles erst in Lissabon organisieren mußte. Langfristige Planungen scheitern mir immer. Aber so war es auch damals beim Aufbruch nach Singapur und bei der Reise den Mekong entlang. Bernd Koldewey hat mich aber schon vor dem Abflug mit Kamera, Kompaß und Kilometerzähler ausgerüstet. Alles Weitere ist in Lissabon dazugekommen. Auch die Schuhe.

Cabo da Roca
Cabo da Roca

Sintra, 24. Juli 2006

Der Weg den Tejo entlang ging ja noch, imposant vor allem die großen Zwei- und Dreimaster, die an diesem Wochenende ein Rennen veranstalten. Aber als ich hinter Cascais den Praio do Guincho erreiche (auf einem roten Fahrradweg), ist der Ausblick zwar großartig, zugleich aber sehe ich auch, daß es bergauf gehen wird. Ich entscheide mich für Sintra. Der Weg ist schwierig zu gehen, immer auf einem schmalen Streifen neben der vielbefahrenen Straße. Öfter eine Rast in einem Kiefer- oder Pinienwald, der sich die Route entlang zieht. Ab und zu grandiose Ausblicke auf den Atlantik. Sintra erreiche ich völlig erschöpft. Der Wasservorrat von 3 Litern, den ich mitgeschleppt hatte, existiert nicht mehr. Ebenso scheint es auch meinen Füßen zu gehen. Ich habe das Gefühl, Alarmglocken an den Beinen zu haben, die schmerzen und summen. Ich werde einen Tag Pause einlegen, übernachte in der Casa de Hóspedes, D. Maria da Parreirinha (Rua Jo o de Deus, 12/14). Abends sitze ich draußen vor dem sehr einfachen Restaurant "O Comboio". Innen befindet sich eine kleine Sensation. Der Besitzer José Caetano hat die Wände mit Kugelschreibern gepflastert. Als ich ihn nach dem Grund frage, zuckt er nur mit den Schultern. "Einfach nur so", meint er. Vielleicht komme ich der Geschichte noch auf den Grund.

Kugelschreiber 


Das Wahrzeichen von Sintra sind die beiden überdimensionalen Kamine des manuelinischen Königspalastes. Sie erinnern mich an die Chedis im thailändischen Ayutthaya und an die Geschichte "Eine Nacht in Ayutthaya" aus den "Siamesischen Nächten".

Sintra
Königspalast in Sintra

Am frühen Morgen treffe ich in einer Fußgängerzone einen zusammengekauerten Jongleur, der den Kopf vergräbt und die Mütze vor sich liegen hat. Ich gebe ihm Geld, mache erst ein Foto, als er jongliert. 

Jongleur 

Joao vom Internetcafé, das neben dem Restaurant von José Caetano liegt, danke ich für seine Hilfe beim Verschicken der Fotos. Ich wäre sonst an der portugiesischen Sprache des Computers, die ich leider nicht kann, gescheitert. Ich hoffe, es hat geklappt. Mein weiterer Weg führt nach Mafra. Die Küstenregion ist von Touristen überfüllt, so daß ich erst einmal größere Orte ansteuere.

Von Sintra nach Mafra (26. Juli 2006)

Früh am Morgen gehe ich von Sintra los in Richtung Mafra. Die Gegend ist zunächst einfach zu laufen, dann aber wird es richtig schwierig. Ich muß die Straße entlang wandern und meist auf einem äußerst engen Streifen neben der Fahrbahn. Manchmal bleibt mir auch nichts anderes übrig als in der daneben verlaufenden abgeschrägten Kanalrinne zu gehen.

 strasse
Das erwartet einen meistens auf dem Camino Portugués. 

Die Portugiesen haben einen rasanten Fahrstil, und vor allem bei manchem Truck muß ich in die Büsche springen. Aber irgendwie geht es doch und an einem Armeeflughafen vorbei bin ich über Pero Pinheiro, Montelevar, Cheleiras und Igreja Nova auf zwei Kilometer an Mafra herangekommen. Eine zweispurige Schnellstraße führt wie eine Autobahn zur Stadt und beim Gehen auf dem schmalen Randstreifen habe ich die Befürchtung, daß gleich ein Polizeiwagen neben mir hält und mich von der Straße holt.

Die Entfernung Sintra-Mafra beträgt etwa 25 Kilometer, 8 Kilometer vor der Stadt geht es in sengender Sonne bergan. Ein paar Kilometer vor Mafra ist Gott sei Dank ein netter Picknickplatz mit Steintischen, Bänken und schattigen Bäumen. In den Orten ist es immer sehr leicht, ein kleines Café zu finden und man kann sich hier auch mit Wasserflaschen versorgen.

nach Mafra
Leider kein Wanderweg - Nur idylisches Panaroma an der vielbefahrenen Straße nach Mafra 

Fazit der Strecke: Es muß bessere Wege Richtung Norden geben, empfehlen kann ich diese Route nicht. Sie ist gefährlich. Aber ab und zu entschädigt das Panorama des am Horizont glänzenden Atlantik. In Mafra selbst bin ich zu müde, um mir den gewaltigen Palast, den König Joao V. in Auftrag gegeben hat, genauer anzusehen. Imponierend muß die riesige Bibliothek sein mit ihren 88 m langen Bücherregalen.

Leider gibt es nur zwei Hotels in Mafra, und die sprengen mein Budget. Ich werde also noch versuchen, an die Küste bis Ericeira zu laufen, um eine preiswerte Pension zu finden. Wer nach Mafra kommt und es nicht kennt, hat im Touristenbüro direkt am Eingang des Palastes eine hilfreiche Anlaufstelle. Ach ja, ein Nachtrag noch zu meinem Tag in Sintra: Sehr schön ist der Parque da Liberdade (Park der Freiheit), der tropisch anmutet. Rührend wie an einen Baumstamm jemand einen Kranz und ein großes weißes Papierherz gebunden hat. "Amore grande mio" steht darauf.

Ich schreibe in einem Internetcafé in Mafra und muß mich, weil es schon später Nachmittag ist, auf den Weg nach Ericeira machen. Ob die Füße das aushalten, weiß ich noch nicht. Das Laufen auf den heißen Randstreifen der Straße geht an die Sohlen.

Ericeira, 26 Juli 2006

Also weiter die Küste runter nach Ericeira, wo ich bei beginnender Dunkelheit in der Pensao Gomes ein kleines, antik eingerichtetes Zimmer finde für 25 Euro statt 65 wie in Mafra. Das Städtchen mit den alten schmucken Fischerhäusern gefällt mir.

Ericeira
Ericeira 

Besonders schön und poesievoll in Ericeira ist der kleine Park im Zentrum, den ich den "Park der singenden Vögel" nenne. Die Bäume dort mit schmiedeeisernen Bänken darunter sind abends voller Vögel, die ein lautes Zwitscherkonzert vollführen. Der kleine Platz ist umsäumt von Restaurants und Cafés. Einmalig ist die Pensao Gomes. Sie ist weitläufig, schön, verwinkelt, mit alten Möbeln, Teppichen und Bildern eingerichtet und hat eine abgeschirmte Terrasse, wo man unter schattigem Hibiskus sitzen kann. Auffallend sind die vielen älteren Ladies, denen ich ab und zu helfe, die weggelegte Brille zu finden. Ich werde mindestens einen Tag Pause einlegen müssen. Die Strecke entlang der Straße, die ich mir gestern zugemutet hatte, war eine Tortur. Die Fußsohlen sind voller Blasen.

 

Santa Cruz, 28.7.06

Die Strecke von Ericeira in den nächsten Ort Ribamar führt zunächst auf einer Promenade die Küste entlang. Dann aber, zwei Kilometer vor Ribomar, der Schrecken. Der bequem zu gehende Streifen endet. Die Straße selbst führt aufwärts und ließe sich nur in der schrägen Kanalrinne hochlaufen. Aber unter mir liegt der Praia (Strand) S. Sebastiao. Ich kann ihn über eine Holztreppe erreichen, durchqueren und sehe in dem nun ansteigenden Küstenabschnitt Pfade, die nach Ribomar führen.

Küstenpfad
Küstenpfad: Die Ausnahme auf dem Camino 

Von Ribomar aus beginnt wieder das übliche Wandern auf einem sehr engen Randstreifen, eigentlich ist er nicht vorhanden. Ich gehe auf der linken Seite. Kommen Fahrzeuge, drücke ich mich in die Vegetation. Die nachfolgenden Orte Talefe, Barril, Silveira, Boavista haben nicht den Charme von Ericeira. Das gilt auch für Ribomar. In der Nähe von Talefe umgehe ich auf einer ansteigenden Schotterpiste den leidigen Straßenstreifen. Aber das ist auch nicht besser, eine Tortur für Schuhe und Füße. Als ich wieder an der Straße ankomme, leistet Bernds Kompaß wichtige Dienste, um die Richtung festzustellen.

am Straßenrand 
Nicht nur Autos - auch das am Straßenrand! 

In Santa Cruz am frühen Abend angekommen geht es nur noch auf den Schuhkanten vorwärts. Es ist keine Übertreibung. Ich bin zu müde, ausgiebig nach dem billigsten Quartier zu suchen und stoße auf das Hotel "Santa Cruz". Unter den gegebenen Umständen bin ich mit dem Preis von 40 Euro zufrieden.

Den Abend verbringe ich auf einem Rondell am Meer. Möwen segeln durch die Luft, eine kleine Propellermaschine kurvt durch die Abendwolken, die Sonne taucht unter den Horizont. Dann erscheint die zunehmende Sichel des Mondes. Die Erinnerung an eine keltische Sage taucht auf, die ich in der Überlieferung von Herrmann Hesse kenne. Ein walisischer Fürst reitet über einen Hügel und entdeckt vor sich eine Frau, die auf einem Pferd langsam vor ihm trabt. Er versucht sie einzuholen, aber der Abstand bleibt gleich. Pferd um Pferd reitet er nun zuschanden, und als er nur noch das letzte hat, ruft er verzweifelt: "Bei dem, was dir am liebsten ist, bleib stehen!" Da bleibt die Frau stehen, dreht sich um und sagt: "Du bist es!" Nun ja, solche Geschichten werden wieder wach.

Santa Cruz
Abend in Santa Cruz 

Etwa 120 Kilometer liegen jetzt hinter mir, nicht gezählt das Laufen durch die Städte, um eine Unterkunft zu finden und ein Internetcafé. Die Füße brauchen eine längere Pause, sonst wird es medizinisch bedenklich oder ist es schon. Außerdem müssen speziellere Schuhe her. Das Laufen am Straßenstreifen, durch Kanalrinnen, über Stoppelfelder oder Schotterwege bei Umgehungen erfordert das. Mit Santa Cruz habe ich nun einen ersten Abschnitt erreicht.

© Text und Fotos: Rüdiger Schneider
                                                                                              
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